Böhmen in Potsdam
Die Ansiedlung böhmischer Glaubensflüchtlinge in Potsdam steht sowohl im Zusammenhang mit der religiösen Toleranzpolitik Friedrichs II. als auch mit seinem Bestreben, wichtige Produkte für Armee und Hof sowie Massenwaren im eigenen Land herstellen zu lassen. Ab 1750 entstand südöstlich von Potsdam auf einer wenig fruchtbaren Sandscholle die Spinner- und Weberkolonie Nowawes, das heutige Babelsberg. Die Siedlung wurde zunächst auch „Établissement bei Potsdam“ oder „Böhmisch Neuendorf“ genannt.
Die Kolonie Nowawes
Friedrich II. bot böhmischen Protestanten, die in ihrer Heimat wegen ihres Glaubens verfolgt wurden, eine neue Heimat in Preußen an. Südöstlich von Potsdam, jenseits der Havel und nördlich des alten deutschen Dorfes Neuendorf, sollte auf königlichen Befehl eine Kolonistensiedlung entstehen.
Mit dem Bau wurde ab 1751 der Potsdamer Stadtkommandant Oberst von Retzow beauftragt. Zunächst entstanden 155 Doppelhäuser mit Remisen auf eingefriedeten Grundstücken. Bis 1754 wurden die vier Straßen Alte Lindenstraße, Priesterstraße, Waldstraße und Mittelstraße angelegt. In ihrer Mitte entstand der Kirchplatz, der heutige Weberplatz.
Auf dem Platz wurde im Mai 1753 die von Jan Bouman errichtete Friedrichskirche eingeweiht. Sie diente der böhmischen und der deutschen lutherischen Gemeinde gemeinsam. Den Kolonisten wurde Glaubensfreiheit zugesichert.
Die Kolonisten
Als Siedler wurden vor allem Protestanten aus Böhmen und Mähren angeworben. Die „Colonisten in Nowawes“ stammten jedoch auch aus anderen Teilen Deutschlands und Europas, darunter aus Sachsen, Württemberg, Thüringen, der Schweiz, Mecklenburg und Ungarn. Unter den böhmischen Herkunftsorten werden unter anderem Königgrätz, Kolín, Teplitz und Böhmisch Brod genannt.
Die Ansiedlung war mit erheblichen Vergünstigungen verbunden. Jede Weberfamilie erhielt ein halbes Haus mit Garten beziehungsweise ein eigenes Weberhaus und zeitlich begrenzte Vorrechte. Dazu gehörten die Befreiung vom Militärdienst und von Einquartierungen sowie Steuervergünstigungen. Außerdem war ein Begrüßungsgeld von 50 Talern vorgesehen, das allerdings nur in wenigen Fällen ausgezahlt wurde.
Die Vergünstigungen machten die Ansiedlung auch für Menschen attraktiv, die nicht aus religiösen Gründen ihre Heimat verlassen hatten. Deshalb kamen neben den böhmischen Glaubensflüchtlingen auch Kolonisten aus anderen Regionen nach Nowawes. Die zuständigen Beamten nahmen dies hin, da der König die Kolonie möglichst schnell mit Einwohnern füllen wollte.
Weber und Spinner
Die meisten Bewohner arbeiteten als Kattun-Weber. Daneben gab es Spinner, Baumwoll-Streicher, Etamin-Weber und Flanell-Macher. Nur wenige waren als selbstständige Fabrikanten tätig. Die meisten Weber arbeiteten an ihren eigenen Webstühlen für Verleger in Berlin und Potsdam.
Das Leben in Nowawes blieb dennoch schwierig. Der sandige Boden war wenig fruchtbar, sodass die Gärten nur einen geringen Ertrag brachten. Die wirtschaftliche Grundlage der Kolonie bildete deshalb vor allem die Heimarbeit in den Webereien und Spinnereien.
Erweiterung der Siedlung
Nach dem Siebenjährigen Krieg wurde Nowawes nach Westen erweitert. Unter General von Anhalt entstanden weitere 50 Häuser in der 11-Häuser-Straße, der Neuen Lindenstraße und der 6-Häuser-Straße. Ab 1764 zogen zunächst vor allem Bauhandwerker aus Süddeutschland ein, die beim Bau des Neuen Palais benötigt wurden.
Als Friedrich II. Anfang der 1770er Jahre die Bautätigkeit in Potsdam weitgehend einstellte, verließen viele dieser Handwerker Nowawes wieder. Ihre Häuser wurden anschließend auch von Webern und Spinnern aus verschiedenen Teilen Deutschlands übernommen.
Nowawes umfasste nun 205 Häuser mit etwa 1.100 Einwohnern. Unter ihnen waren 228 Menschen aus Böhmen.
Quellen
- „Neuendorf - Nowawes - Babelsberg: Stationen eines Stadtteils“ – Herausgeber: Förderkreis Böhmisches Dorf Nowawes und Neuendorf e. V.; in Redaktion von Almuth Püschel; 1. Auflage; Horb am Neckar; Geiger-Verlag; 2000; ISBN 3-89570-653-1
- „Internationale Impulse für Potsdam – Zur Rolle der Zugewanderten für die Entwicklung Potsdams", Landeshauptstadt Potsdam, Der Oberbürgermeister; 4. Auflage 2016, Autor Prof. Dr. Ulrich Schmelz, S. 26