Humboldtstraße 4

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Humboldtstr. 4, im Mai 2021
Humboldtstr. 4 um 1910

Das repräsentative Gebäude in der Humboldtstraße 4 wurde 1777 nach Entwürfen von Carl von Gontard errichtet und orientiert sich formal am Palazzo Chiericati in Vicenza. In diesem Haus befand sich damals der „Noack'sche Gasthof“ mit angeschlossener Beherbergung.

Bau- und Nutzungsgeschichte des Grundstücks

Für das frühe 18. Jahrhundert ist auf dem Grundstück eine brauereigewerbliche Nutzung nachweisbar, wie sie für die Lage im Umfeld des Stadtschlosses charakteristisch ist. Andreas Friedrich Wendel, Eigentümer und zeitweise Bürgermeister der Stadt, ließ das Gebäude 1712 erneuern. Die Quellenlage für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts bleibt insgesamt lückenhaft.

Im Kontext der unter Friedrich II. betriebenen barocken Stadterneuerung nimmt das Grundstück eine Sonderstellung ein, da seine architektonische Aufwertung vergleichsweise spät erfolgte. Während benachbarte Parzellen bereits zuvor durch repräsentative Fassadenbauten – etwa nach dem Vorbild des Palazzo Pompei sowie durch den 1772 vollendeten Palast Barberini – geprägt waren, verzögerte sich die Neugestaltung hier unter anderem infolge militärischer Auseinandersetzungen und der aufwendigen Beschaffung geeigneter architektonischer Vorlagen.

Neubau von 1777 und architektonische Einordnung

Der 1777 realisierte Neubau ersetzte ein einfaches zweigeschossiges Vorgängergebäude. Gontard sah sich dabei mit der typischen Problematik einer schmalen Parzelle konfrontiert, die eine vollständige Übertragung des italienischen Vorbildes nicht zuließ. Realisiert wurde daher lediglich eine reduzierte, auf den Mittelteil konzentrierte Fassadenkomposition.

Zeitgenössische Bewertungen, insbesondere durch Andreas Ludwig Krüger, heben die gelungene Vermittlung zwischen den benachbarten, ebenfalls an italienischen Palastfassaden orientierten Gebäuden hervor. Die Integration einer Kolonnade im Erdgeschoss sowie eine balustradengekrönte Attika dienten dabei der Proportionierung und stadträumlichen Einbindung.

Die Übertragung eines großmaßstäblichen Adelspalais auf ein bürgerliches Wohn- und Nutzgebäude führte jedoch zu funktionalen Inkongruenzen. Speziell die Geschosshöhen und Belichtungsverhältnisse entsprachen nicht den Anforderungen zeitgenössischer Wohnnutzung. Friedrich Mielke bewertete diese Diskrepanz später als systematisch bedingte Fehlanpassung zwischen repräsentativer Fassadenarchitektur und funktionaler Binnenstruktur.

Charakteristisch ist die Ausbildung niedriger Zwischengeschosse mit einer Raumhöhe von etwa 2,10 m, die ursprünglich als Lagerflächen dienten und erst in späterer Zeit zu Wohnzwecken umgenutzt wurden.

Eigentumsverhältnisse und Nutzung im 18. und 19. Jahrhundert

Über den namensgebenden Gastwirt Noack liegen nur wenige Informationen vor. Dagegen ist die Besitzgeschichte der Familie Huguenel vergleichsweise gut dokumentiert. Die aus Bischweiler im Elsass stammende Familie ließ sich 1761 in Potsdam nieder und erwarb 1795 das Grundstück.

Neben der Wohnnutzung im Vorderhaus wurde auf dem rückwärtigen Grundstücksteil bis zur Alten Fahrt eine Gerberei betrieben, deren Produktionsbedingungen – insbesondere der Bedarf an Wasser und Brennmaterial – die Nutzung wesentlich bestimmten.

Eugen Huguenel trat als bedeutender Chronist der Potsdamer Stadtgeschichte hervor. Seine publizistischen Arbeiten sowie sein Engagement in historischen Vereinigungen und Sammlungen stellen eine wichtige Quelle für die Rekonstruktion der lokalen Geschichte dar.

Veränderungen im frühen 20. Jahrhundert

Mit dem Erwerb durch den Stuckateurmeister Heinrich Moldenhauer im Jahr 1904 setzte eine Phase intensiver baulicher Überformung ein. Die Einrichtung einer Kunststeinfabrik und Bildhauerei führte zur Errichtung zusätzlicher Werkstatt- und Lagergebäude auf dem Hofareal sowie zu funktionalen Umnutzungen des Bestands.

Weitere Eingriffe erfolgten 1913 sowie in den 1920er Jahren, insbesondere durch den Einbau von Schaufenstern im Vorderhaus. Diese Maßnahme ist im Kontext veränderter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen und einer zunehmenden Kommerzialisierung der Nutzung zu sehen.

Ab 1931 entstand auf dem rückwärtigen Grundstück ein neues Wohnhaus nach Entwurf von Heinrich Laurenz Dietz, das sich formal der zeitgenössischen modernen Architektursprache verpflichtet zeigte. Dieses Gebäude wurde ebenso wie der historische Bestand im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Zerstörung und Rekonstruktion

In der Nacht von Potsdam, am 14. April 1945, wurde auch dieses Haus total zerstört.

Im Zuge der Neubebauung der Potsdamer Mitte erfolgte im Rahmen des sogenannten Leitbautenkonzepts eine Rekonstruktion der historischen Fassade. Der heutige Bau rekonstruiert die barocke Fassadengestaltung unter den Bedingungen zeitgenössischer Baupraxis.

Die Fassadenrekonstruktion stellt einen wesentlichen Beitrag zur stadträumlichen Wiedergewinnung der historischen Mitte Potsdams dar.

Weitere Bilder


Quellen

  • Bühloff, Tobias: Der Alte Markt von Potsdam. Berlin: Verlag für Berlin-Brandenburg, 2018, S. 112 ff, ISBN 978-3-945256-85-5
  • Friedrich Mielke: Potsdamer Baukunst. Propyläen Verlag, 1981, S. 44 ff, ISBN 3-549-05668-0
  • Palazzo Chiericati - Artikel der PNN vom 21.07.2011
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