Lütticher in Potsdam
Bereits kurz nach seinem Regierungsantritt 1713 bemühte sich Friedrich Wilhelm I., die Waffen für die geplante Vergrößerung der preußischen Armee möglichst im eigenen Land herstellen zu lassen. Bis dahin wurden hochwertige Waffen vor allem aus Suhl und Lüttich eingeführt. Neben fehlenden Rohstoffen mangelte es in Preußen vor allem an spezialisierten Handwerkern wie Rohr- und Schlossschmieden, Schäftemachern und Messinggießern.
Um eine Gewehrmanufaktur in Potsdam einzurichten, wurden die Berliner Unternehmer David Splitgerber und Gottfried Adolph Daum mit der Anwerbung von Facharbeitern aus Lüttich beauftragt. Die ersten Spezialisten kamen bald darauf nach Potsdam. Am 26. März 1722 wurde in der Breiten Straße an der Ecke zum Stadtkanal der Grundstein für die Gewehrmanufaktur gelegt. Eine weitere Waffenmanufaktur entstand in Spandau.
Zuwanderung von Facharbeitern
Für die Anwerbung weiterer Spezialisten bot der preußische Staat attraktive Bedingungen. Er übernahm die Kosten für die Reise und den Transport des Umzugsguts und sicherte den Waffenherstellern gute Verdienstmöglichkeiten zu. Zudem wurde den Zuwandernden die freie Ausübung ihrer Religion zugesichert.
Die große Mehrheit der angeworbenen Meister und Gesellen stammte aus Lüttich und war katholisch. Weitere Facharbeiter kamen unter anderem aus Suhl, Solingen, Essen und Gent. Bereits nach einem Jahr lebten mehr als 180 dieser Spezialisten in Potsdam. Die Gewehrmanufaktur konnte 1723 rund 10.000 Waffen herstellen; später stieg die Jahresproduktion auf mehr als 15.000 Stück.
Auch unter Friedrich II. wurden zur Verstärkung der Armee weitere Waffen benötigt. Im Jahr 1753 wurden deshalb erneut Arbeiter aus dem Lütticher Waffenzentrum angeworben.
Pater Ludovicus Belo
Die 1722 aus Lüttich nach Potsdam gekommenen Facharbeiter brachten aus dem Dominikanerkloster in Wesel ihren selbst gewählten Priester Pater Ludovicus Belo mit. Friedrich Wilhelm I. akzeptierte ihn als Seelsorger. Belo erhielt ein für damalige Verhältnisse ungewöhnlich hohes Jahresgehalt von zunächst 500, später 600 Talern.
Bis zur Fertigstellung einer katholischen Kirche auf dem Gelände der Gewehrfabrik konnten die Lütticher für ihre Gottesdienste einen Saal im Stadtschloss nutzen. Zur Geschichte der Katholiken in Potsdam siehe den gleichnamigen Artikel.
Bedeutung für die Gewehrfabrik
Die Bedeutung der aus Lüttich angeworbenen Fachleute für die Potsdamer Gewehrherstellung wird bereits in einem zeitgenössischen Bericht von 1727 deutlich. Der Poet Bellamintes bezeichnete in seinem Büchlein „Das Itztblühende Potsdam“ die Gewehrfabrik als einen Ort, an dem für das gesamte königliche Heer „das trefflichste Gewehr in grosser Menge“ hergestellt werde. Die Meister der Zunft seien überwiegend aus der Gegend angeworben worden, „wo man die künstlichsten und besten Waffen macht“.
Die Waffenherstellung wurde später schrittweise nach Spandau verlegt. Die Zuwanderung der Lütticher Facharbeiter war ein frühes Beispiel für die gezielte Anwerbung ausländischer Fachkräfte für den Aufbau der Potsdamer Gewehrproduktion.
Quellen
„Internationale Impulse für Potsdam – Zur Rolle der Zugewanderten für die Entwicklung Potsdams", Landeshauptstadt Potsdam, Der Oberbürgermeister; 4. Auflage 2016, Autor Prof. Dr. Ulrich Schmelz, S. 20