Russische Kolonie „Alexandrowka“

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Russische Kolonie „Alexandrowka“
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Das Museumshaus in Nr. 2, 2005

Die Russische Kolonie Alexandrowka in Potsdam ist eine Siedlung in der Nauener Vorstadt. Sie liegt nördlich der Alleestraße und wird von der Puschkinallee und der Jägerallee begrenzt. Die Kolonie besteht aus 12 Wohnhäusern für die russischen Sänger, einem Aufseherhaus und einem weiteren Gebäude, das ursprünglich einem königlichen Lakaien und ehemaligen russischen Soldaten überlassen wurde. Die Häuser sind von großzügigen Gärten umgeben. Nördlich der Kolonie befindet sich auf dem Kapellenberg die eigens für die Kolonisten errichtete Alexander-Newski-Kirche.

Die Kolonie wurde nach dem Vorbild russischer Militärdörfer angelegt. Ihre charakteristische Anordnung bildet aus der Vogelperspektive ein Andreaskreuz. Dieses war sowohl mit dem Schutzpatron Russlands, dem Apostel Andreas, als auch mit dem Wappen des Zaren Alexander I. verbunden.

Seit 1999 gehört die Alexandrowka zum UNESCO‑Welterbe. Die Häuser und Gärten werden denkmalgerecht erhalten und restauriert. Im Rahmen der Bundesgartenschau 2001 wurde der ursprüngliche Grundriss der Siedlung wiederhergestellt.

Entstehung der Kolonie

Die Entstehung der Alexandrowka steht im Zusammenhang mit den napoleonischen Kriegen und der Freundschaft zwischen dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. und dem russischen Zaren Alexander I.

Während des Russlandfeldzugs Napoleons 1812 gerieten russische Soldaten in preußische Gefangenschaft. Aus einer Gruppe von Gefangenen wurde auf Wunsch Friedrich Wilhelms III. ein russisches Sängerkorps zusammengestellt, das dem 1. Garderegiment zu Fuß zugeordnet wurde. Nach dem Bündnis Preußens mit Russland gegen Napoleon blieben die Sänger in preußischen Diensten und nahmen an den Feldzügen von 1813 bis 1815 teil. Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege kehrten sie nach Potsdam zurück. 1815 kamen weitere russische Grenadiere hinzu.

Als Zar Alexander I. im Dezember 1825 starb, beschloss Friedrich Wilhelm III., ihm ein dauerhaftes „Denkmal zum ewigen Angedenken" seiner Freundschaft zu setzen. Am 10. April 1826 stellte er die Gründungsurkunde für die Russische Kolonie aus. Darin bestimmte er, die in den Jahren 1812 und 1815 aus dem russischen Militär übernommenen Sänger als Kolonisten anzusiedeln und die Siedlung „Alexandrowka“ zu nennen.

Noch 1826 wurde mit dem Bau begonnen. Die Planung erfolgte unter Beteiligung des Gartenarchitekten Peter Joseph Lenné. Für die Wohnhäuser wurden Entwürfe des in Russland tätigen Hofarchitekten Carlo Rossi herangezogen. Rossi wirkte in Russland und entwarf dort Bauten im sogenannten „nationalrussischen Stil“, der sich an traditionellen russischen Bauformen orientierte. Als Vorbild für die Alexandrowka diente das Dorf Glasovo im Park von Pawlowsk bei St. Petersburg.

Vorlagen für die Häuser wurden aus Russland nach Potsdam geschickt. Vorgesehen waren 14 Stellen mit Wohngebäuden, Wirtschaftsgebäuden, Gärten und einer Kirche. Aus Kostengründen wurde jedoch auf die ursprünglich vorgesehene Blockhausbauweise verzichtet. Stattdessen entstanden Fachwerkhäuser, die außen mit Holzelementen im russischen Stil verkleidet wurden. So erhielten die Gebäude ihr charakteristisches, „typisch russisches“ Erscheinungsbild, ohne tatsächlich als Blockhäuser errichtet worden zu sein.

Die Kolonie wurde 1829 mit der Einweihung der Alexander-Newski-Kirche auf dem Kapellenberg fertiggestellt.

Von den 14 vorgesehenen Stellen erhielten zwölf die russischen Sänger. Ein weiteres Haus diente als Aufseherhaus für einen deutschen Unteroffizier des 1. Garderegiments. Das vierzehnte Gebäude wurde dem ehemaligen russischen Soldaten und königlichen Lakaien Tarnovskij überlassen, der als Kirchenältester tätig war.

Am 2. April 1827 konnten die zwölf Sängersoldaten mit ihren Familien in die neuen Häuser einziehen. Die Wohnhäuser waren möbliert und mit Hausrat und Bettzeug ausgestattet. Die Gärten waren bereits angelegt, mit Obstbäumen und -sträuchern bepflanzt und durch Hecken voneinander getrennt. Zu jedem Gehöft gehörten außerdem ein Stall und Wirtschaftsflächen.

Das Leben in der Kolonie

Die Bewohner erhielten die Aufgabe, ihre Kolonistenstellen „wirtschaftlich zu benutzen und in baulichem Stande“ zu erhalten. Sie sollten sich durch die Bewirtschaftung ihrer Gärten möglichst selbst versorgen. Gleichzeitig blieben sie in militärischen Diensten und erhielten weiterhin ihren Sold.

Die meisten der Sängersoldaten hatten keine Erfahrung im Gartenbau oder in der Landwirtschaft. Zudem waren die Bedingungen für die Selbstversorgung schwierig. Die Kolonie lag unmittelbar am Bornstedter Feld, das damals als militärischer Übungsplatz genutzt wurde. Bei Trockenheit wurde Sand in die Gärten geweht, bei starken Regenfällen kam es zu Überschwemmungen. Ernteausfälle und Schäden an den Pflanzen waren die Folge.

Auch der Versuch, auf den Grundstücken Kühe zu halten, erwies sich als nicht dauerhaft tragfähig. Um ihren Lebensunterhalt zu verbessern, verpachteten die Kolonisten schließlich Teile ihrer Gärten oder vermieteten Räume in ihren Häusern. In der Kolonie lebten deshalb neben den Familien der Sänger auch Sommergäste und Dauermieter.

Einige Bewohner versuchten außerdem, durch Handel oder eine Gastwirtschaft zusätzliche Einnahmen zu erzielen. Dennoch waren viele von ihnen auf Unterstützung aus der königlichen Schatulle angewiesen. Bittgesuche an den König sind für unterschiedliche Anlässe überliefert.

Der in der Mitte der Kolonie wohnende Aufseher kontrollierte den Zustand der Häuser und Gärten sowie die Einhaltung der königlichen Vorgaben. Zu seinen Aufgaben gehörte auch die regelmäßige Berichterstattung über die Bewohner.

Religion und Sprache

Die russischen Sänger waren orthodoxe Christen. Zur Kolonie gehörte deshalb die auf dem Kapellenberg errichtete Alexander-Newski-Kirche. In dem Gebäude neben der Kirche wohnte der Kirchenaufseher; ebenso befand sich dort eine Teestube für den König und seine Gäste.

Die Gottesdienste wurden zunächst von Priestern der russischen Gesandtschaft in Berlin gehalten. Ab 1836 fanden sie in deutscher Sprache statt. Die Kinder der Kolonisten besuchten die Potsdamer Garnisonsschule und erhielten zusätzlich religiösen Unterricht in der Kolonie.

Die Zahl der orthodoxen Bewohner und Kinder nahm im Laufe der Zeit ab. Ein großer Teil der Nachkommen der ursprünglichen Kolonisten wurde evangelisch getauft.

Die Nachkommen der Kolonisten

Friedrich Wilhelm III. hatte festgelegt, dass die Kolonistenstellen nur an den jeweils ältesten Sohn vererbt werden durften. Gab es keinen erbberechtigten Sohn, musste die Familie das Grundstück grundsätzlich verlassen. Für Witwen und ihre Kinder bedeutete diese Regelung eine besondere Härte. In solchen Fällen konnten Gnadengeschenke des Königs gewährt werden.

Wo kein männlicher Erbe vorhanden war, wurden die Stellen zunächst an zweitgeborene Söhne anderer Kolonisten, später auch an kriegsinvalide deutsche Militärangehörige vergeben.

Dadurch verringerte sich der Anteil der russischstämmigen Bewohner allmählich. 1868 waren noch etwa zwei Drittel der Gehöfte von Nachkommen der ersten Bewohner bewohnt, 1882 nur noch die Hälfte.

Vom königlichen Besitz zum Staatseigentum

Bereits 1892 erwog Friedrich Wilhelm III. den Verkauf der Kolonie. Ab 1900 wurde keine Gartenaufsicht mehr durchgeführt. Die Straßen und Wege wurden nun von der Stadt Potsdam gepflegt, und Modernisierungen und bauliche Veränderungen waren möglich.

Fast auf den Tag genau 100 Jahre nach dem Einzug der ersten Bewohner übernahm am 1. April 1927 der preußische Staat im Zuge der Vermögensauseinandersetzung zwischen dem Staat und dem ehemals regierenden Haus Hohenzollern die Kolonie Alexandrowka. Die vier noch dort lebenden Nachfahren der russischen Sängersoldaten – die Familien Schischkoff, Anisimoff, Grigorieff und Jablokoff – waren damit weiterhin Nutznießer der Häuser, jedoch keine Privateigentümer. Die von Friedrich Wilhelm III. gewährten Privilegien blieben zunächst bestehen; sie waren weiterhin von Mietzahlungen, Steuern und Abgaben befreit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kolonie im Zuge der Bodenreform in 60 Grundstücke von jeweils etwa 1.000 Quadratmetern aufgeteilt. Die Grundstücke wurden unter anderem an Ausgebombte und Antifaschisten vergeben. 1950 lebten sechs gewerbsmäßige Gärtner in der Kolonie. Mit der Neuordnung endete die bisherige Privilegierung der Bewohner. Auch die historische Lennésche Gartenkomposition und der Charakter der Kolonie als geschlossenes Landschaftsensemble wurden dadurch verändert. Die Familien Schischkoff und Grigorieff blieben in der Alexandrowka, Anisimoff erhielt einen Mietvertrag.

In der DDR wurde die Alexandrowka 1977 unter Denkmalschutz gestellt. Die Alexander-Newski-Kirche wurde renoviert. Seit Mitte der 1980er-Jahre wurden verstärkt Pläne zur Restaurierung der denkmalgeschützten Anlage entwickelt; auch das Denkmalamt setzte sich für die Erhaltung und Wiederherstellung der Kolonie ein.

Heute sind alle Häuser und die dazugehörigen Gärten in Privatbesitz beziehungsweise im Eigentum der Stiftung Alexandrowka. Die Obstwiese mit den 1.300 Obstbäumen wird vom Grünflächenamt der Stadt Potsdam gepflegt.

Gärten und Obstbau

Die großzügigen Gärten waren von Anfang an ein wichtiger Bestandteil der Kolonie. Sie dienten der Versorgung der Bewohner und prägten zugleich das Erscheinungsbild der Siedlung.

Im Rahmen der Pflege der historischen Gartenanlagen wurden in Potsdam zahlreiche alte Obstsorten erhalten beziehungsweise neu kultiviert. Dazu gehören verschiedene Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Pflaumensorten. Auch der nach Zar Alexander I. benannte **Alexanderapfel** gehört zur historischen Sortenvielfalt der Alexandrowka.

Die Obstgärten knüpfen zugleich an die lange Tradition des Obstbaus in Potsdam an, der bereits unter Friedrich II. gefördert und im 19. Jahrhundert durch die königliche Landesbaumschule weiterentwickelt wurde. Die Obstwiese mit über 1.300 Obstbäumen besteht heute aus 294 Altbäumen von 1827 und 1.060 nachgepflanzten Jungbäumen mit rund 600 verschiedenen Sorten, die bei der Rekonstruktion der Lennéschen Anlage zur BUGA 2001 wiederhergestellt wurde. Wie vor 100 Jahren bieten die Bewohner für wenig Geld ihr Obst zum Verkauf an.

Weitere Details

Seit Januar 2005 ist das Museum Alexandrowka geöffnet. Das Museumsteam stellt im Haus Nummer 2 der Kolonie die vielen Aspekte dar, die zu ihrer Entstehung führten, und hat das aufwendig restaurierte Haus für die Besucher begehbar gemacht.

In Haus Nummer 1 befindet sich die Russische Teestube.

Weitere Bilder

Siehe auch

Quellen

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